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Traum aller Anleger

Innoplexus aus Eschborn und der Vermögensverwalter Acatis aus Frankfurt testen eine neue KI-Maschine für die Geldanlage.

Der 21. März 2019 bleibt den Aktionären des Pharmakonzerns Biogen in schmerzhafter Erinnerung. Kurz vor Börsenbeginn hatte der in Cambridge, Massachusetts, aufgehende Stern am Biotech-Himmel die Investoren darüber unterrichtet, dass er eine klinische Studie mit seinem Alzheimer-Präparat „Aducanumab“ abbrechen müsse. Binnen weniger Stunden stürzte der Aktienkurs um knapp 30 Prozent, am Ende des Tages hatten die Biogen-Aktionäre rund 18 Milliarden Dollar verloren.

Schicksal? Pech? Auch. Aber nicht nur. Zumindest theoretisch wäre der Schadensfall für die Anleger vermeidbar gewesen.

Jahrelang hatten Wissenschaftler von Biogen an dem Medikament geforscht. Börsenfachleute von Goldman Sachs bestärkten die Erwartungen. Wenn „Aducanumab“ auf den Markt komme, ließe sich damit ein Umsatz von zwölf Milliarden Dollar erzielen.

Doch in einem Bürohaus in Eschborn, knapp sechstausend Kilometer von Cambridge entfernt, waren ein paar Nerds des noch jungen Unternehmens Innoplexus schon vorher Zweifel gekommen, ob das neue Produkt den Sprung auf den Markt schaffen würde.

Gunjan Bhardwaj (36), ein ehemaliger BCG-Berater, hatte Innoplexus vor acht Jahren gegründet, um eine Art Supergoogle für die Pharma-Forschung zu entwickeln, eine Suchmaschine, die Fachwissen weltweit aus Bibliotheken, Kliniken, Unternehmen und natürlich dem Internet zusammenträgt, filtert und auswertet. Nach 500 Mannjahren Wissensaufbau und über 100 Patentanmeldungen in den Bereichen Künstliche Intelligenz (KI) und Blockkette funktioniert das System auch bestens. Etliche Pharmaunternehmen nutzen heute bereits die Innoplexus-Technik.

Doch Herr Bhardwaj und seine Kollegen erkannten schnell, dass ihre Suchmaschine auch als Prognose-Instrument für den Aktienmarkt taugt. Als Testfall hatten sie sich Biogen ausgesucht.

Bereits im August 2018, mehr als ein halbes Jahr vor der geldverzehrenden Adhoc-Meldung, hatten die Innoplexus-Manager vorhergesagt: Biogen werde die klinische Studie für sein Medikament „Aducanumab“ wohl nicht erfolgreich absolvieren, mithin auch keine Zulassung von der amerikanischen Aufsichtsbehörde FDA bekommen.

An der Börse ist solches Wissen extrem wertvoll, gerade wenn es um die Pharmabranche geht. Im Durchschnitt stecken Hersteller mehr als eine Milliarde Euro in die Entwicklung eines neuen Produkts, immer in der Hoffnung, einen sogenannten Blockbuster zu finden, ein Medikament, das mindestens eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr einspielt.

Jeder Investor träumt davon, früh- zeitig Aktionär eines solchen Unternehmens zu sein. Wenn sich in der späten Phase der Produktentwicklung ein Präparat allerdings als Flop herausstellt, es keine Zulassung bekommt, erleben Investoren ihren Albtraum: Der Aktienkurs bricht ein, das Geld ist weg.

Das Risiko eines Fehlschlags ist in dieser Branche fast so groß wie in der Gründerszene. Nur höchstens 15 Prozent der neu entwickelten Medikamente neh- men die größte Hürde der Pharma-Innovationen: die klinische Studie.

Doch welches Produkt packt es? Bisher waren Investoren auf Bewertungen von Börsenfachleuten und ihr Bauchgefühl angewiesen. Wenn Goldman Sachs für ein neues Produkt eines erfolgreichen Unternehmens zweistellige Milliardenumsätze prognostiziert, dann lockt allein das schon Investoren. Und wenn es sich bei den Gründern des be treffenden Unternehmens wie im Fall Biogen um herausragende Wissenschaftler handelt, darunter Nobelpreisträger für Chemie und Medizin, ist der Anreiz noch einmal so stark.

Die Macher von Innoplexus wählten für die Beurteilung von Biogen aber eine ganz andere, völlig neuartige und selbst entwickelte Technik: die sogenannte Clinical Trial Prediction, eine digitale Prognosemaschine für klinische Studien.

Das Besondere an ihr ist ein speziell auf die Pharmabranche abgestimmtes, KI-basiertes Rechenmodell, das auf die Erfassung und Bewertung von Millionen Daten und Informationen trainiert wurde – einschließlich der für Pharma-Innovationen obligatorischen klinischen Studien.

Formel für Pharma-Aktien

Möglich war diese Weiterentwicklung freilich nur, weil Innoplexus sich vorher schon Zugang zu einer gewaltigen Daten- und Informationswelt verschafft hat, der weit über die im Internet verfügbaren Quellen hinausgeht.

Die KI-Programme der Rechner verstehen die Fachsprache in der Pharma-Forschung und können deshalb täglich bis zu fünf Milliarden Internetseiten nach Informationen über die Entwicklung von Medikamenten filtern.

Zusätzlich nutzt Innoplexus Blockketten-Technik, um auch Informationen aus Datenbanken zu erfassen, die nicht im Internet verfügbar sind, etwa aus Universitätskliniken und Unternehmen.

Jede Information fließt in die Beurteilung der Erfolgswahrscheinlichkeiten aller laufenden Studien ein. „Am Ende“, sagt Innoplexus-Chef Gunjan Bhardwaj, „wird jeder klinischen Studie eine Wahrscheinlichkeit zugewiesen, ihre Ziele zu erreichen“ – oder, wie beim Biogen-Präparat „Aducanumab“, nicht zu erreichen.

Aber wie lässt sich die Innoplexus Methode sinnvoll für die Geldanlage nutzen? Im Fall Biogen schien das einfach: Der an der Börse bereits einkalkulierte Umsatz fiel nun weg, die Aktie musste fallen. Doch so eindeutig sind die
Zusammenhänge längst nicht immer.

Eine Zusammenarbeit zwischen Innoplexus und dem Frankfurter Vermögensverwalter Acatis testet seit einigen Monaten das Potenzial der Prognoseformel.

Acatis-Gründer Hendrik Leber, ein ehemaliger McKinsey-Berater, gehört hierzulande zu den Pionieren KI-basierter Vermögensverwaltung. Seine Leute kombinieren die Voraussagen der Innoplexus-Prognosemaschine mit regulatorischen Informationen und Marktdaten, um eine bessere Aktienauswahl in der Pharma- und Biotech-Industrie zu
erreichen. Dabei lobt Hendrik Leber die Qualität der KI-Maschine ausdrücklich, gerade im Fall Biogen.

Es war freilich nicht das einzige Beispiel für einen Volltreffer. So hat Innoplexus auch den Misserfolg des Bristol-Myers-Squibb-Präparats „Nivolumab“ zur Therapie von Lungenkarzinomen oder auch den jüngsten Erfolg der Johnson & Johnson-Tochter Janssen Pharmaceutica bei der Behandlung einer speziellen Form von Blutkrebs, des Multiplen Myeloms, richtig vorhergesagt.

Es wäre der Traum jedes Investors, sich bei der Beurteilung von Pharma-Innovationen nicht mehr auf Analystenreports und das Bauchgefühl verlassen zu müssen, sondern auf einen ausgeklügelten KI-Algorithmus. Zumal er nicht nur für sogenannte Long-Investoren wie Acatis interessant wäre, die Aktien kaufen und eine Weile halten wollen. Verdienen könnten damit genauso Short-Investoren, die auf fallende Kurse setzen. Im Fall Biogen hätten sie damit ein Vermögen machen können.

Ursprünglich veröffentlicht in: Bilanz, das deutsche Wirtschaftsmagazin, September 2019.

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